Liebe Leserin,
lieber Leser,
du hast den ersten Teil der Dilogie gelesen und möchtest ein bisschen hineinschnuppern, wie es weitergeht? Hier bist du richtig!
~ Fortsetzung der Quest durch eine mittelalterliche Anderwelt ~
Im finalen Band der Dilogie hat Haylan Stöckelschuhe und Walkman längst hinter sich gelassen.
Gemeinsam mit dem attraktiven Krieger Jewlier und den beiden Flugechsen Arren und Prinzessin sucht sie in den ardorianischen Ostlanden nach dem Schlüssel zu ihrer Heimkehr, einem speziellen Räucherwerk, von dem sie nichts weiter als den Geruch kennt.
Inmitten der wilden Schönheit des Hochgebirges erlebt die Teenagerin Misstrauen, Betrug und gerät in höchste Gefahr ...
- Hinweis: Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.
Im Land der Kegelberge
Mit schmerzendem Kreuz, eingeschlafenen Beinen und trockener Kehle erwachte ich im Morgengrauen. Nachdem ich ein bisschen mit den Zehen gewackelt hatte, begannen meine Füße, zu kribbeln.
Guten Morgen, begrüßte mich Prinzessin.
Guten Morgen. Bist du okay? Gleichzeitig mit der Fragestellung tastete ich nach ihrem Befinden. Obwohl sie zusammen mit Arren die ganze Nacht hindurch geflogen war, wirkte sie nicht erschöpft, aber ich konnte deutlich fühlen, dass sie durstig war.
Mach dir keine Sorgen. Bald werden wir eine sichere Wasserstelle erreichen.
Ich schmiegte mich an ihren Hals und konnte es noch immer nicht ganz fassen, dass sich dieses herrliche Wesen entschieden hatte, ausgerechnet mit mir eine Verbindung einzugehen.
Du bist interessanter, als du glaubst. Für einen Menschen besitzt du eine Menge erstaunlicher Fähigkeiten.
Meinst du das ehrlich?
Natürlich. Warum sollte ich lügen?
Noch immer waren wir über kargem, felsigem Territorium unterwegs. In der Ferne zeichneten sich im rosig-bläulichen Frühlicht die Umrisse einer Bergkette ab. Ich schaute zu Arren und Jewlier hinüber. Jewlier war wach und spähte nach vorn. Kaum dass ihn mein Blick erfasst hatte, wandte er sich zu mir um und hob die Hand zum Gruß.
Ich lächelte und winkte zurück.
Danke, Arren, dass du ihm Bescheid gesagt hast.
Jewliers Anblick machte mich glücklich. Verstohlen streichelte ich die Reisehilfe an meinem Handgelenk – wenn ich schon in Ardor sein musste, war es ein unverschämtes Glück, dass ich ausgerechnet bei Jewlier und Arren und nirgendwo anders in dieser Welt aufgetaucht war.
Jewlier bedeutet dir sehr viel, stellte Prinzessin fest.
Ja, das stimmt. (Leugnen wäre sowieso zwecklos gewesen.)
Mir gefällt, wie wohl du dich in seiner Nähe fühlst. Er ist ein Mensch, dessen Gegenwart dir guttut.
Ich seufzte. Nur leider passe ich absolut nicht zu ihm. Zum einen ist er erwachsen und ich nicht. Außerdem bin ich weder mutig noch kann ich schnell rennen, klettern oder kämpfen.
Hast du einmal darüber nachgedacht, dass du ihn vor allem deshalb als erwachsener empfindest, weil er in einem härteren Umfeld aufgewachsen ist als du selbst? Deine Kindheit und Jugend haben gänzlich andere Anforderungen an dich gestellt. Dennoch ist es dir gelungen, ihn vor Folter und Tod zu retten. Ist das etwa nichts?
Wow. Also, so hab ich das noch gar nicht betrachtet ... Vielleicht hast du recht und die drei Jahre Altersunterschied sind wirklich nicht viel. Immerhin ist mein Opa fast acht Jah-re älter als meine Oma gewe... – Ach, du liebe Güte, gibt Arren das an Jewlier weiter?
Keine Sorge, das tut er nicht.
Prinzessins Worte wurden von einem besänftigenden Gefühl untermalt, das von Arren stammte.
Je näher wir dem Bergmassiv kamen, desto imposanter erschien es. Die Gipfel waren völlig anders geformt als sämtliche Höhenzüge, die ich bisher in meinem Leben gesehen hatte. Breitbasig der Erde entspringend, erhoben sich die Berge in luftige Höhen. Ich fand, sie schauten am ehesten wie riesenhafte Kegel aus. Nach der endlosen Dürre der Wüste begrüßte mich das Grün an den Berghängen und in den Tälern wie eine lang vermisste Freundin. Zart und jung leuchtete uns die Morgensonne entgegen und wärmte mein Gesicht. Genau wie ich genoss Prinzessin den Temperaturanstieg nach der Kühle der Nacht in vollen Zügen.
Wir überquerten ein paar überraschend schroffe Firste. Unter uns eröffnete sich ein Hochtal, in dessen Herzen ein glitzernder See lag.
Wasser!
Arren reduzierte die Flughöhe, Prinzessin folgte mit einem verspielten Schlenker und landete direkt neben ihm auf einer Bergwiese. Obgleich man dem Bewuchs die Herbststimmung anmerkte, stand das Gras noch üppig und hoch. Lilafarbene Blüten blitzten überall zwischen den Halmen hervor, Morgentau lag in den zarten, kleinen Kelchen. Ich staunte ein weiteres Mal, wie stark sich mein Sehsinn verbessert hatte, seit ich mit Prinzessin verbunden war.
Sie hob mich hinab, dann wackelte sie hinter Arren her, der sich bereits in den See gestürzt hatte. Wie ungelenk die Echsen sich doch an Land fortbewegten und wie anmutig ihr Flug dagegen ausschaute. Ich schmunzelte.
Wiederholt tauchten die beiden unter und überschütteten sich gegenseitig beim Auftauchen mit verspielten Fontänen. Jewlier zögerte nicht lange und rannte ihnen hinterher. Noch im Laufen zerrte er seinen Umhang vom Körper. Irgendwie musste er selbst zum Ablegen der Schuhe nicht anhalten. Dann preschte er mitsamt seiner kurzen Hose ins Wasser hinein und kraulte in wettkampfreifer Zeit quer durch den See, der schätzungsweise hundert Meter breit war. Unschlüssig blieb ich am Ufer stehen und beschloss, zunächst etwas zu trinken. Ich holte den Schlauch aus Jewliers Tasche, füllte ihn auf und stillte ausgiebig meinen Durst. Das Wasser war eisig, dennoch tat es mir gut.
»Worauf wartest du?«, rief Jewlier vom gegenüberliegenden Ufer aus zu mir herüber.
Ja, auch ich brauchte dringend ein Bad, so klebrig wie ich mich fühlte, zumal ich meinen eigenen Schweiß roch. Also zog ich die Schuhe aus und watete tapfer ein paar Meter in den See hinein. Der Grund in Ufernähe war sandig und weich. Das kalte Wasser, das einen wunderbar sauberen Duft verströmte, umspielte meine Waden. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, schlüpfte ich rasch aus dem Kapuzenumhang, schleuderte ihn auf die Böschung, biss die Zähne aufeinander und ließ mich ins Wasser gleiten. Die Kälte traf mich wie ein Schlag. Ich paddelte los, so schnell ich konnte. Allmählich erschien die Temperatur erträglicher, wobei es schneidend kalt blieb. In Rekordzeit wusch ich mich, tunkte unter und schrubbte meine Kopfhaut mit den Fingerkuppen, ohne die Wunde vom Vortag zu berühren. Fast ebenso sehr wie eine warme Dusche vermisste ich Duschgel und Shampoo.
Ich war dermaßen mit meinen Haaren beschäftigt, dass ich nicht bemerkte, dass Arren und Prinzessin das Bad beendeten und sich gemeinsam in die Lüfte erhoben. Erst eine jähe Empfindung von Euphorie ließ mich aufblicken. Hoch oben am Himmel verschwanden die beiden in einem verwegenen, spiralförmigen Flug, dessen Richtung vermutlich Prinzessin angab.
Jewlier, der nur bis zum Bauch im Wasser stand, zuckte mit den Achseln und hob die Handflächen empor. »Echsen!«
Ich versuchte, zu lachen, was mir vor lauter Kälte misslang. Zitternd krabbelte ich aus dem See, wrang meine Haare aus und schwenkte Arme und Beine, um das Wasser abtropfen zu lassen. Dann wickelte ich mich mitsamt meiner tropfnassen Unterwäsche in den dünnen Umhang und suchte mir ein sonniges Plätzchen, um mich aufzuwärmen. Wie vermisste ich das Bündel mit der molligen Kleidung aus Filz, das nordwestlich von Taëronth auf unsere Rückkehr wartete.
Jewlier gesellte sich zu mir. Sein zusammengeknülltes Gewand hing über seinem Arm. Viele perlende Wassertropfen, in denen sich das Sonnenlicht brach, glitzerten auf seiner Haut. »Frierst du sehr?«
Anstelle einer Antwort klapperten meine Zähne im Stakkato, sprechen konnte ich nicht.
Er legte mir seinen Umhang über die Schultern, setzte sich hinter mich und zog mich an seine Brust. Seine Haut war eiskalt, was ich selbst durch die doppelte Lage Stoff noch deutlich spürte. Trotzdem wollte ich, dass er blieb, und lehnte mich an ihn. Ich schloss die Lider und streckte mein Gesicht den Sonnenstrahlen entgegen. Schrittweise kehrte das Leben in meinen Körper zurück. Leider kam damit auch der Hunger mit voller Macht. Mein Magen rumpelte.
»Oje«, murmelte ich.
»Ich möchte auch etwas essen. Lass uns sehen, was wir finden.«
Er löste sich von mir, stand auf und streifte seine Schuhe über. Dann entfachte er ein Feuer aus trockenen Zweigen und bat mich, dicke Löwenzahnblätter zu sammeln. Die Tasche leerte er aus und verschwand damit im angrenzenden Nadelwald. Bei seiner Rückkehr war sie mit fingerkuppengroßen, roten Früchten sowie mit Zapfen der hiesigen Nadelbäume gefüllt. Er drückte mir das kürzere der beiden Messer in die Hand und zeigte mir, wie ich die Beeren aufschneiden sollte. »Sie enthalten winzige Samen. Diese sind giftig, das Fruchtfleisch selbst hingegen ist essbar. Sorge dafür, dass du sie sorgfältig entfernst.«
»Wird gemacht!« Ich salutierte spielerisch, was Jewlier mit dem verwunderten Hochziehen einer Augenbraue kommentierte, bevor er anfing, die Schuppen von den Zapfen zu schaben. Direkt darunter saßen an der holzigen Achse längliche, nussähnliche Kerne, die etwa die gleiche Größe wie die roten Beeren hatten.
Als ich die entkernten Früchte auf einem flachen Stein aufreihte, überkam mich von Arrens Seite das Gefühl der Blutgier, wie ich es am Abend nach Jewliers Rettung erlebt hatte. Ich mochte die Empfindung nicht und versuchte, sie zu ignorieren. Doch nichts hatte mich auf den Jagdrausch vorbereitet, den ich wenige Augenblicke später von Prinzessin empfing. Es war, als ob sich eine Feuerspur von meiner Stirn über meine Kehle bis zu meinem Bauch ausbreitete, und alles, was ich sah, nahm einen Rotstich an. Überrascht schnappte ich nach Luft und ließ beinahe das Messer fallen. Glücklicherweise dauerte die verstörende Hitzewallung nur ein paar Sekunden an, sodass ich meine Tätigkeit fortsetzen konnte, auch wenn ein beklommenes Gefühl in mir zurückblieb.
Jewlier war so tief in seinem Tun versunken, dass er nichts davon mitbekam.
Wenige Minuten später näherte sich Arren. Er war allein, Prinzessin jagte ein paar Kilometer entfernt nach weiterer Beute. Wie mir klar wurde, dachte er nicht daran, bei uns zu bleiben, sondern ließ im Tiefflug lediglich einen Gegenstand fallen, den er im Maul getragen hatte. Schon stieg er auf und flog davon.
»Danke, mein Freund!«, rief ihm Jewlier hinterher und hob das Mitbringsel auf.
Neugierig schaute ich hin und gleich wieder weg: Es war ein blutiger, dunkelroter Fleischklumpen, den Arren aus seinem glücklosen Beutetier gerissen hatte. Doch nachdem Jewlier das Ding gewaschen und in mundgerechte Stücke zerteilt hatte, sah es nicht mehr anders aus als das Gulasch in der Theke beim Metzger.
Ich entsann mich an meinen ersten Abend in Ardor, als Arren Jewlier und mir geholfen hatte, in unsere gegenseitigen Erinnerungen zu schauen. Rohe Fleischbrocken wie diesen hier hatte Jewlier klammheimlich hinuntergeschlungen, um zu überleben. Zum Glück mussten wir das Fleisch heute nicht roh essen, sondern wickelten es in die Löwenzahnblätter, die ich gesammelt hatte. Zum Garen schob Jewlier die Päckchen mithilfe eines langen Asts in die Glut des inzwischen heruntergebrannten Feuers. Danach prüfte er vorsichtshalber, dass ich sämtliche Samenkerne aus den Beeren entfernt hatte.
Während ich sowohl meine Hände als auch das Messer gründlich reinigte, vergrub er die giftigen Samen, klaubte zwei flache Steine vom Boden auf und kehrte damit zu mir zurück. »Ich knacke jetzt die Nüsse und gebe sie dir. An manchen hängt noch eine dünne Haut, die kannst du abreiben. Schau mal, in der Tasche ist ein Tuch, das du benutzen kannst.«
Was war das für ein Aufwand! Jeder Handgriff erinnerte mich an die Bequemlichkeiten meiner Welt. Wollte ich dort Nüsse haben, gab es sie geschält und verpackt zu kaufen.
Als endlich alle Nüsschen aus den Zapfen essbereit waren, pulte Jewlier das zwischenzeitlich gegarte Fleisch aus der Glut und reichte mir ein Stück. Es war sehr zart und schmeckte wie ein Zwischending aus Rind und Wild. Ich verputzte es heißhungrig nebst den Beeren und Nüssen.
Verglichen mit dem Brimborium, den wir zuvor betrieben hatten, schien die Mahlzeit viel zu schnell beendet. Zweimal überkam mich während des Essens der rote Schleier der Blutgier, den Prinzessin auf mich übertrug. Ich blendete das unschöne Gefühl aus, soweit es mir möglich war.
»Es ist ungewohnt, oder?«, fragte Jewlier.
»Hm, hm. Hat Arren dir Bescheid gegeben?«
Er kicherte. »Nein, ich sehe es an deinem Gesicht. Was hältst du davon, dass ich dir gleich ein paar Möglichkeiten zeige, wie du dich in brenzligen Situationen wehren kannst? Das lenkt dich bestimmt ab.«
»Au ja, gerne!« Ich schluckte den letzten Bissen hinunter und sprang auf; solange es mich auf andere Gedanken brachte, sollte mir alles recht sein.
»Nicht so hurtig«, murmelte Jewlier, der noch am Kauen war. »Lass mich wenigstens aufessen.«
Schnell stellte sich heraus, dass meine Reaktionen auf seine Manöver eindeutig zu langsam erfolgten, und meine Muskeln kamen mir bei so gut wie jedem Bewegungsablauf, den er mir vermitteln wollte, zu schwach vor. Die Fehlversuche häuften sich, bis er entmutigt mit den Schultern zuckte. »Ich glaube, das funktioniert so nicht für dich. Du müsstest monatelang täglich intensiv üben. In gefährlichen Situationen solltest du dich besser verstecken oder weglaufen.«
»Ja, aber ... Was mache ich, wenn ich gepackt werde, so wie Zidd es getan hat, und ich nicht abhauen kann?«
Zidds heißer Atem auf meinem Gesicht, seine fetten, dreckigen Griffel, die mich begrapschen ...
Der Flashback überrollte mich mit Macht. Ich fing an, unkontrolliert zu zittern.
Jewlier legte seine Hände auf meine Schultern und gab mir Halt. »Ich bin da, Haylan.«
Seine Nähe beruhigte mich.
»Danke.« Ich sprach nur dieses eine Wort, doch lag darin alles, was ich jetzt gerade empfand.
»Bist du bereit für die Antwort auf deine Frage?«, fragte er nach einer Weile.
»Ja, ich denke schon.«
Er sah mich durchdringend an, wie er es einige Male zuvor in ernsten Situationen getan hatte. »Wenn du nicht fliehen kannst, musst du wahrhaft fies sein. Ziele auf die Augen deines Angreifers. Bohre deine Finger hinein. Sofern deine Hände nicht frei sind, tritt dort zu, wo es am meisten schmerzt, bei Männern ist es das Gemächt. Oder beiße so fest zu, wie du nur kannst, sobald sich eine Gelegenheit bietet. Wähle vorzugsweise die Kehle. Deine Zähne müssen durch die Haut dringen. Wenn du kannst, reiße ein möglichst großes Stück Gewebe aus deinem Angreifer heraus.«
Mir wurde bei der bloßen Vorstellung, meine Finger in fremde Augen zu bohren, speiübel. Bei den Ausführungen zum Kehlenbiss würgte ich. »Ich glaube nicht, dass ich das kann ...«
Jewliers anschließendes Schweigen entsprach einer Bestätigung.
Die Stadt am Roten Fluss
Am frühen Nachmittag kehrten Arren und Prinzessin zurück. Jewlier war am Dösen, während ich mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden saß, mich an einen Baumstumpf lehnte und frustriert über das fehlgeschlagene Training Grashalme um meinen Zeigefinger wickelte.
Lass uns als Erstes meine Heimat aufsuchen!, kam Prinzessin ohne Umschweife auf den Punkt.
Überrumpelt ließ ich den Halm fallen, mit dem ich hantiert hatte. Ich ... Das kann ich doch nicht entscheiden.
Das brauchst du nicht. Arren hat es längst geklärt.
Im selben Augenblick meinte Jewlier: »Wir werden zuerst zu Muuns Stamm fliegen, um die Botschaft von ihrem Tod zu überbringen. Um ehrlich zu sein, gefällt mir der Vorschlag nicht, da wir in erster Linie nach dem Räucherwerk für Haylan suchen sollten, aber ...«
Arren schnaufte und stupste Jewliers Oberarm an.
»... diesen Argumenten kann ich mich kaum verschließen.« Liebevoll massierte Jewlier Arrens Nasenrücken. »Außerdem stimme ich den Echsen zu – es ist nur recht und billig, wenn wir Muuns Leute von der Sorge über ihr Schicksal erlösen. Doch zuallererst brauchen Haylan und ich wärmere Kleidung, weil das Klima hier bedeutend kühler ist als in der Silberwüste.«
Lhar-An ist eine große Stadt und liegt auf dem Weg. Ich bin sicher, dass ihr dort alles finden werdet, was ihr braucht. Muun und ich waren öfter da, um Besorgungen zu tätigen.
Arren gab den Inhalt von Prinzessins Worten an Jewlier weiter.
»Gut, lasst uns aufbrechen.« Im Handumdrehen saß er auf Arren. »Haylan, Prinzessin, worauf wartet ihr denn?«
Nachdem wir eine Weile geflogen waren, fasste ich mir ein Herz, Prinzessin nach etwas zu fragen, das mich die ganze Zeit schon beschäftigte. Sag,wie ist es überhaupt geschehen, dass Muun gefangen genommen wurde?
Statt einer Antwort fühlte ich mich von einer Woge heftigen Kummers geradezu überrollt.
Ich schluckte. Bitte entschuldige. Es tut mir leid, ich wollte dich nicht traurig machen. Falls du nicht darüber reden magst, ist es okay.
Eines Tages muss ich mich dem, was passiert ist, ohnehin stellen. Es kann ebenso gut jetzt stattfinden.
Ich nickte bestätigend. Zwar konnte sie es nicht sehen, doch wusste ich, dass sie es fühlte.
Muun und ich sollten nach der Tochter der Stammesältesten Jaan suchen. Ji-Juun ist weder Echsenreiterin noch Kriegerin, sondern Malerin. Sie hat viele herausragende Kunstwerke geschaffen. Ihre Arbeiten werden bis nach Darekk gehandelt. Auf diese Weise haben ihre Bilder gewiss selbst den fernen Westen erreicht ... Ach, ich schweife ab. Am liebsten reitet sie auf einem Maultier kreuz und quer durch die Lan-de, vollgepackt mit Stoffrollen, Farben und Pinseln. Nun, sie ist von ihrem letzten Ritt nicht zurückgekehrt. Sie wollte nur vier Tagesritte nach Westen ziehen, um die Obstblüte im dortigen Seenland festzuhalten. Da ihre Heimkehr über Wochen ausblieb, war Jaan voller Sorge und sendete außer Muun drei weitere Echsenreiter aus. Jeder zog in eine Himmelsrichtung, um Kunde von Ji-Juun zu finden.
Wer war noch mal Jaan?
Ji-Juuns Mutter. Die Stammesälteste. Sagte ich das nicht?
Bestimmt. Verzeih mir, ich habe Schwierigkeiten, die für mich total fremden Namen auseinanderzuhalten.
Ich verstehe. Nun, Muuns und mein Weg führte nach Westen. Zwei Wochen blieb unsere Suche ohne Erfolg. Endlich fand Muun in einem abgelegenen Dorf eins von Ji-Juuns Bildern. Die Farbe war noch ganz frisch. Anhand dessen nahm Muun an, dass die Gesuchte wohlauf war, dennoch wollte sie persönlich mit ihr sprechen, um sich von ihrem Wohlergehen zu überzeugen. Wir suchten jede Siedlung in der Nachbarschaft des Dörfchens auf. In einem Ort hatte man sie tatsächlich gesehen. Sie sei nach Westen gereist, allerdings nicht allein, sondern inmitten einer Gruppe von Frauen. Deren Aussehen beschrieb man als ausgesprochen fremdartig: hochgewachsen und kriegerisch, die Augen braun wie Muuns Augen, jedoch nicht von länglicher, stattdessen von runder Form. Sie seien bis an die Zähne bewaffnet und auf temperamentvollen Pferden geritten. Ji-Juun habe wie eine freie Frau und keinesfalls wie eine Geisel ausgesehen. Weil Ji-Juun sich mit den Frauen, die zweifellos aus Südardor stammten, nach Westen orientiert hatte, nahm Muun an, dass wir auf sie treffen würden, wenn wir der Straße in Richtung Darekk folgten. Bevor wir in die Silberwüste aufbrachen, bestand Muun darauf, dass ich ausgiebig Nahrung und Wasser zu mir nahm, und schickte mich los. Man musste ihr aufgelauert haben, denn ich war noch nicht lange unterwegs, als sie von zehn Männern gleichzeitig angegriffen wurde. Sie tötete vier von ihnen im Kampf, bevor etwas Steinhartes mit voller Wucht auf ihren Hinterkopf knallte und sie bewusstlos zusammenbrach. Diese Feiglinge! Es kann nichts anderes gewesen sein als ein Schuss aus einer Steinschleuder.
Die nächsten Worte kamen stockend. Ich spürte, wie sehr Prinzessin unter der Erinnerung litt.
Ich war zu weit entfernt, um ihr zu helfen. Ihre Übertragung zu mir brach ab, nachdem sie ohnmächtig geworden war. Bei meiner Rückkehr fand ich nur die Kampfspuren sowie die vier Toten vor. Die restlichen Kerle hatten Muun mitgenommen. Ich … ich konnte sie nicht finden!
O Gott. Wie furchtbar.
Sobald sie endlich zu sich kam, gelang es mir, sie zu orten, doch sie befahl mir, fernzubleiben. Man folterte sie, wieder und wieder. Nach drei Tagen nahmen ihre Qualen überhand. Ich konnte ihrem Wunsch nicht weiter Folge leisten. Um sie zu erlösen, ließ ich mich gefangen nehmen. Den Rest kennst du.
Sie muss eine großartige Kriegerin gewesen sein.
Trotz des schaurigen Berichts fiel mir Jewliers Lektion vom Vormittag ein. So wie Prinzessin Muun beschrieb, hätte sie für Jewlier eine ernst zu nehmende Gegnerin dargestellt. Einem Subjekt wie Zidd hätte sie gewiss mit Leichtigkeit den Hals umgedreht.
Du hast recht! Ich danke dir. Es hat mir gutgetan, dir alles zu erzählen. Endlich bin ich nicht mehr allein damit.
Ich bin bei dir. – Darf ich die Informationen an Arren weitergeben?
Ihre Erwiderung trug eine mild lächelnde Schwingung: Da er deine Gedanken sowieso liest, weiß er längst alles. Dasselbe gilt für seinen Reiter. Ich war natürlich damit einverstanden.
Die Landschaft unter uns wurde flacher. In vielen Mäandern durchzog ein eindrucksvoller, rötlicher Fluss eine Ebene, die von Getreidefeldern geprägt war. Am westlichen Flussufer lag eine ausladende Ansiedlung auf einem felsigen Plateau, Lhar-An, wie Prinzessin bestätigte. Schon aus der Ferne unterschied sich diese Stadt von Haïthron oder Taëronth. Sie war nicht flach, sondern wand sich spiralig nach oben, fast wie eine umgekehrte Darstellung von Darekk. Am höchsten Punkt saß eine Bastion mit schwindelerregend hohen, schmalen Zinnen – ein architektonisches Meisterwerk.
Arren und Prinzessin steuerten die Stadt direkt an. Ich war erstaunt, da ich mich erinnerte, wie Jewlier Arren in Haïthron und Taëronth verborgen hatte. Prinzessin versicherte mir, dass Echsenreitende in den Ländern im Osten anders behandelt würden. Es sei gang und gäbe, dass die Reptile direkt vor den Städten landeten, ohne dass jemand den dazugehörigen Menschen sofort an den Kragen wollte.
Mit den Gegebenheiten in Darekk vergleichbar, existierte vor der Stadt ein weitläufiges Areal, wo sich einige Echsen ohne ihren menschlichen Gegenpart tummelten. Genau wie Prinzessin waren die Flugreptile schlank und besaßen lange Beine und Hälse. Golden war kein einziges, sondern die Schuppen schimmerten blau, grünlich und braun. Echsen von Arrens Körperbau befanden sich nicht darunter.
Ein Gefühl, das ich von ihm bisher nicht kannte, schwappte zu mir herüber: Er war verlegen und benahm sich ungewohnt gehemmt. Dessen ungeachtet landete er synchron mit Prinzessin. Kaum dass er den Boden berührt hatte, strebten sämtliche der anwesenden Reptile auf ihn zu und betrachteten ihn voller Neugier. Ich nahm eine Aura der Bewunderung seitens der fremden Echsen sowie merkliche Entspannung von ihm selbst wahr.
Prinzessin half mir derweil beim Absteigen.
»Er hat sich vor der Landung mächtig geziert.« Jewlier grinste und trat neben mich.
Prompt rollte ein Karren mit einem Fass voller Wasser heran, sodass Prinzessin und Arren ihren Durst stillen konnten. Das Vehikel wurde von Ochsen gezogen. Sie wirkten kraftvoll, wenn auch schwerfällig. Die gebogenen Hörner sahen beeindruckend aus und waren um ein Vielfaches länger, als ich sie von den Rindern aus meiner Heimat kannte. Am Bauch reichte ihr zottiges Fell fast bis zum Boden und schwang hin und her.
Und sie sind so schmackhaft!, ergänzte Prinzessin beschwingt. Du hast heute Morgen von einem der ihren gekostet.
Ich schaute in die sanft aussehenden, braunen Kulleraugen der Tiere und schluckte betroffen. Bevor mir eine Erwiderung einfiel, ergriff Jewlier meine Hand und zog mich mit sich.
Diese Stadt hatte keine Tore und es gab keine Kontrollen. Ein Strom aus Karren, Berittenen und Leuten, die zu Fuß gingen, wogte ungehindert durch die Gassen Lhar-Ans. Die Menschen trugen überwiegend langärmlige, knöchellange Gewänder mit geschlitzten Rockseiten und darunter weite Hosen, die an den Fesseln zusammengerafft wurden. Dazu kleidete man sich in halbhohe Lederstiefel, alternativ in Ledersandalen mit langen Riemen. Frauen, Männer und Kinder waren gleichermaßen unterwegs. Die Kinder rannten in lärmenden Trauben durch die Straßen, wenn sie keine Lasten schleppten oder Erwachsene begleiteten. Insgesamt empfand ich die Stimmung als heiter und geradezu ausgelassen. Welch ein Gegensatz zu Darekk und Taëronth!
»Könntest du bitte fragen, wo man Gewänder und Schuhwerk kaufen kann?«, bat Jewlier. »Ich spreche die Sprache nicht. Du hingegen beherrschst durch deine Reisehilfe jeden Dialekt in Ardor.«
»Oh! Ja, klar.« Ich pickte eine Frau im ungefähren Alter meiner Mutter aus der Menge heraus, die ein auffälliges, schimmerndes Gewand anhatte. Eine komplizierte Frisur türmte sich hoch auf ihrem Kopf. »Verzeihung!«
Sie hielt inne und inspizierte uns von oben bis unten. Vermutlich wirkten wir in unseren dünnen Kapuzenkutten genauso exotisch auf sie wie sie auf uns. Ich suchte nach der passenden Wortwahl. Wie hätte Jewlier sich am besten aus-gedrückt? »Wir grüßen Euch. Wir suchen taugliche Kleidung. Wo können wir diese bitte erwerben?« Aus meinem Mund flossen vokalbetonte Wörter, die im hinteren Abschnitt des Gaumens geformt wurden. Die Laute waren ungewohnt und hatten mit Jewliers singender Aussprache nichts gemein. Genauso sehr unterschieden sie sich von der kehligen Sprache der Wüste. Ich entsann mich der mühsamen Vokabelpaukerei in Englisch und Latein. Der Trick mit der Reisehilfe war unbezahlbar.
Die Frau hatte offenbar entschieden, dass wir trotz unseres ausgefallenen Aussehens weder Bettler waren noch sie belästigen wollten, und erklärte den Weg zu einem Marktplatz. Ich bemühte mich, mir die Ortsangaben zu merken: die Straße entlang bis zum Brunnen, dann rechter Hand abbiegen, weiter bis zum Haus mit dem schadhaften Dach, dort erneut nach rechts, danach immer geradeaus. Vorsichtshalber wiederholte ich die Beschreibung fast simultan für Jewlier, da ich befürchtete, die Hälfte gleich wieder zu vergessen. Nachdem ich der Frau höflich gedankt hatte, setzten wir uns bergauf in Bewegung.
Die Gebäude, die wir passierten, trugen einen Putz aus Lehm, waren von flacher Bauweise und bildeten lange, verzweigte Komplexe. Statt eiserner Rahmen für Butzenscheiben baute man hierzulande weinrote Holzornamente in die Fensterrahmen ein, hinter denen ich halbtransparentes Ölpapier erahnte. Durch offenstehende Tore sah ich in begrünte Innenhöfe. Oftmals sprudelten dort zierliche Fontänen in steinernen Becken. Die Dächer standen in flachen Winkeln und waren mit länglichen, dunkelbraunen Tonziegeln ge-deckt. An den Enden der Dachrinnen saßen meist hölzerne Figuren mit löwenhaft anmutenden Fratzen. Ich stellte mir vor, wie bei Regen Wasser aus ihren aufgerissenen Mäulern quoll.
Dank der ausführlichen Wegbeschreibung der Frau fanden wir den Markt mit Leichtigkeit. Mittlerweile stand die Nachmittagssonne am Himmel, doch blieb es im Vergleich zu den Temperaturen der Silberwüste verhältnismäßig kühl. Essensgeruch lag in der Luft und ich merkte, dass ich (wieder einmal) förmlich ausgehungert war.
Am Marktrand verkaufte man aus einem Fenster heraus tönerne Schüsseln voll dampfender Suppe. Nahebei standen lange Tische, Biertischen nicht unähnlich, unter einer simplen Überdachung. Ein Dutzend Leute saß dort und schlürfte die Brühe. Mit den Fingern fischten sie dicke Nudeln heraus und verspeisten sie genüsslich. Das Wasser lief mir buchstäblich im Mund zusammen. Jewlier hingegen zeigte kein Interesse daran und ging eilig weiter. Leise grummelnd latschte ich hinterher.
An einem Stand, an dem Bekleidung angeboten wurde, hielt er an. Der schlanke, junge Mann, der hinter seinem Auslagentisch auf Kundschaft wartete, verneigte sich leicht. Dann schaute er Jewlier fragend an: »Wie kann ich euch helfen?«
Ich übersetzte für Jewlier.
»Bitte sage, dass wir Reisekleidung benötigen«, bat dieser.
Ich wiederholte unser Anliegen in Richtung des Verkäu-fers. Dieser betrachtete uns prüfend, dann langte er ziel-strebig in diverse Stapel auf seinem Tisch und beförderte je zwei Hosen, Hemden und Übergewänder hervor, welche er uns anbot. Jewlier hielt sich die Kleider vor den Körper, nickte knapp und schaute mich an. Anscheinend war dies seine Art festzustellen, ob ihm Kleidung passte, und er erwartete offenbar von mir das Gleiche. Ich hob eines der Teile hoch und ließ es vor mir herabhängen. Hilflos zuckte ich mit den Schultern.
»Es ist zu groß«, urteilte Jewlier.
»Es ist zu groß«, wiederholte ich die Aussage in Richtung des Händlers.
Da stand ich, plapperte Jewliers Sätze nach wie ein Papagei und empfand die Situation als vollkommen absurd. Ich war wohl die Einzige, der es so ging; der Mann reichte mir ein anderes Kleidungsstück, Jewlier ergriff es, ließ es vor mir herabhängen und nahm Augenmaß.
»Hm, hm.« Zufrieden nickte er und zückte seine Börse.
»Das macht acht Ruan«, teilte uns der Verkäufer freundlich mit und deutete eine weitere Verneigung an.
Jewlier kramte eine glänzende Metallmünze aus der Börse und reichte sie ihm. Anscheinend bedeuteten die Rejnin auch hier eine Menge Geld. Die Augen des Manns weiteten sich. Er sagte jedoch nichts, sondern gab uns eine ganze Handvoll daumennagelgroßer Knochenstücke zurück, auf denen verschiedene Symbole eingraviert waren. Jewlier verstaute diese und verneigte sich seinerseits. Es entging mir nicht, wie er dabei an seinen Schwertgriff tippte. Ich hielt es für eine Warnung, dass wir alles andere als leichte Beute waren. Parallel richtete ich mein Fühlen in Richtung unse-res Gegenübers aus. Nur rege Neugierde erreichte mich, keine Habgier oder Ähnliches. Beruhigt atmete ich auf.
Einige Stände weiter erwarb Jewlier zwei Paar der halbhohen Lederstiefel. Sie waren innen mit Fell gefüttert und würden unsere Füße auch an kalten Tagen mollig warm halten. Wieder kaufte er rein nach Augenmaß, diesmal zahlte er mit Ruan. Im Anschluss führte er mich zum Nudelstand und erstand zwei Schüsseln voller heißer, köstlicher Suppe für uns. Wir setzten uns an einen der Tische und ließen es uns schmecken. Das Essen wärmte mich von innen. Ich war selig.
Wie schnell sich die Ansprüche ändern, dachte ich kopfschüttelnd. Vor Kurzem noch wollte ich gern ein Rennrad haben und jetzt bin ich glücklich mit einem Teller voller Nudelsuppe ...
Nächtliche Überraschung
Bepackt mit zwei prallen Bündeln, die unsere Einkäufe enthielten, ließen wir die Stadt hinter uns und kehrten zu Prinzessin und Arren zurück, die sich in der Zwischenzeit vom langen Flug erholt hatten. Jewlier zahlte einen Viertel Ruan für das Wasser, das die Echsen getrunken hatten. Wir saßen auf und schon kurze Zeit später verschwand Lhar-An in der Ferne.
Ein paar Kilometer weiter landeten wir erneut. Kaum dass wir abgestiegen waren, warf Jewlier mir eines der Bündel zu. Überrumpelt kniff ich im Reflex meine Augen zu und riss die Hände in einer plumpen Abwehrbewegung hoch. Der Packen plumpste zu Boden.
»Eigentlich solltest du deine neuen Sachen auffangen«, feixte Jewlier. »Zieh sie bitte an.«
Kleinlaut wegen meiner Tollpatschigkeit hob ich das weiche Paket auf und trollte mich zwischen einige dicht belaubte Büsche, um mich umzuziehen. Jewlier machte weniger Aufhebens. Ich sah noch, wie er die Kutte aus Taëronth an Ort und Stelle auszog und in sein neues Hemd schlüpfte. In meinem Versteck befreite ich mich aus dem Kapuzenumhang und legte Oberteil, Hose, Übergewand und Stiefel an. Wie alle Schuhe, die ich bisher in Ardor kennengelernt hatte, verfügte auch dieses Schuhwerk über eine weiche, zugleich robuste Ledersohle, die das direkte Gefühl zum Un-tergrund unter meinen Füßen aufrechterhielt. Die Stücke passten perfekt und gaben mir die Wärme, die ich brauchte. Zum Schluss band ich meinen Gürtel um, ordnete mein Haar und wickelte die Slipper, die ich vorher angehabt hatte, in den abgelegten Umhang. Es war ein erlösendes Gefühl, diese Kleidung nicht mehr tragen zu müssen, die mich an ›das Tor zur Silberwüste‹ mitsamt all den schrecklichen Vorfällen erinnerte.
Als ich aus der improvisierten Umkleidekabine hinauskam, steckte Jewlier längst in seiner neuen Filztunika. Sie war saphirblau und harmonierte zu seinem dunkelblonden Haar und den grauen Augen. Er musterte mich und nickte zufrieden.
Willst du wissen, wie du aussiehst?, erkundigte sich Prinzessin voller Neugier.
Äh, ja, doch ...
Sofort flutete ein Bild vor meinem inneren Auge auf. Ich erblickte mich selbst. Meine Haut war längst nicht mehr so bleich wie vor einer Woche. Ich musste zugeben, dass ich gesünder ausschaute. Meine immer noch schwächlich wirkende Gestalt und die trotz aller vorherigen Frisierversuche in alle Richtungen stehenden Locken gefielen mir weniger. Gleichwohl konnte ich nicht umhin, das satte Weinrot des neuen Übergewands zu mögen. Es betonte die dunkelbraune Farbe meiner Haare und Iriden.
Das ist sehr hübsch.Rot steht dir.
»Bitte, frag Prinzessin, wie lange die weitere Reise dauert«, unterbrach Jewlier das Geplänkel über Mode.
Das musst du nicht. Das hat er selbst eben schon getan, kicherte Prinzessin mental.
Arren schickte gleichzeitig einen Gedankenstrom los, der sich protestierend anfühlte. Ich gab ihm recht. Warum fragte Jewlier mich? Er hätte genauso gut Arren darum bitten können. Belustigt über die Echsen prustete ich los. Jewlier schaute verwundert drein.
Ich will ihm gern antworten. Unser Flug wird etwa anderthalb Tage dauern. Wenn wir bis mitten in der Nacht fliegen, erst dann Rast machen und gleich in der Frühe weiterfliegen, sind wir morgen Abend da.
Bevor ich etwas davon wiederholen konnte, nickte Jewlier. Arren war schneller gewesen. Abermals wunderte ich mich, wie rasch ich scheinbar völlig bizarre Situationen als normal wahrnahm. Hier war ich und kommunizierte kraft meiner Gedanken mit zwei intelligenten Riesenechsen. War es erst eine Woche her, dass ich mit dem Linienbus in die Stadt gefahren war, um mir einen Kajalstift und Ohrringe zu kaufen – und dass ich das aufregend gefunden hatte?
Prinzessin schnaubte fast unhörbar. Das kann ich auch nicht verstehen. Es wirkt nämlich in höchstem Maße langweilig auf mich.
Wie von Prinzessin vorgeschlagen, flogen wir noch ein paar Stunden weiter, nachdem die Nacht angebrochen war. Die Landschaft, die im silbernen Licht des zunehmenden Monds an uns vorüberzog, blieb eben. Mittendurch wand sich der Rote Fluss mit seinen vielen Schlingen.
Schließlich landeten die Echsen im Schutz einer Felsformation. Am Boden angekommen, trippelte ich zögerlich ein paar Schritte auf und ab; ich hatte keine Ahnung, ob ich wie gewohnt bei Jewlier und Arren oder bei Prinzessin schlafen sollte.
Warum so kompliziert? Prinzessin schubste mich in Arrens Richtung.
Die beiden Echsen ordneten sich eng um Jewlier und mich an. Ich kam mir vor wie in einem Nest. Prinzessins rechter Vorderlauf legte sich dicht an Arrens linken. Es sah aus, als hielten sie Händchen.
Na, na, nicht ganz, wiegelte Prinzessin ab.
Von Arren erreichte mich ein verlegenes Gefühl.
Ich grinste breit.
»Na, das nenne ich mal ein geräumiges Bett!« Jewlier streckte sich gemütlich über beide Echsenbeine hinweg aus. »Komm, worauf wartest du?«
Ich krabbelte neben ihn. Es war in der Tat bequem. Prinzessins und Arrens Körper bildeten einen Wall um uns herum, der die Kühle der Nacht abhielt. Wie selbstverständlich zog Jewlier mich an seine Brust und legte die Arme um mich. Ich ließ es gern zu und kuschelte mich an ihn. Seine Körperwärme drang zu mir herüber. Die Echsen sendeten uns beruhigende Sequenzen und schnell glitten wir in den Schlaf.
Lange schliefen wir nicht.
Wach auf!, vibrierte Prinzessins Ruf durch meinen Schädel, verstärkt durch Arrens Alarm.
Gleichzeitig rüttelte Jewlier an meiner Schulter. »Haylan!«
Schlaftrunken richtete ich mich auf. »Was ...?«
Schon rutschte ich auf den Boden, da sich beide Echsen mit fließenden Bewegungen erhoben.
Wir müssen schnellstens weg! Prinzessin packte mich und hob mich hoch. Jewlier saß schon auf Arren. In Rekordzeit befanden wir uns in der Luft. Keine Sekunde zu früh!
Ein berittener Trupp sprengte mitten auf unseren Lagerplatz. Die Reiter schwenkten brennende Fackeln und leuchteten damit in die Felsnischen hinein. Blanke Schwerter glänzten im Feuerschein, wildes Geschrei erscholl. Prinzessin trug mich in dem ihr eigenen Wirbelflug so schnell fort, dass ich die Worte nicht verstehen konnte.
Wir glauben nicht, dass sie Echsenreiter haben, die uns direkt verfolgen können. Zumindest sind keine zu spüren, erreichten mich Prinzessins Gedanken.
Angst wallte in mir auf; Gadren und Corran fielen mir ein. Wie hatte man uns gefunden? Oder war es Zufall gewesen, dass der Trupp geradewegs hierher galoppiert war?
Was auch immer der Grund war, Prinzessin und Arren flogen jedenfalls eine großzügige Schleife, um von unserer tatsächlichen Zielrichtung abzulenken.
Erst im Morgengrauen verlangsamten die Echsen über einer Hügellandschaft den Flug, durstig und müde. Angestrengt spähte Jewlier nach unten. Gleichzeitig schickten Prinzessin und Arren ihre Sinne aus, um zu klären, dass am Boden keine Bedrohung auf uns lauerte. Ich schloss mich an. Außer Jewlier empfing ich keine menschliche Präsenz. Sobald wir nahe einer Quelle gelandet und abgesessen waren, stürzte ich auf ihn zu. Noch immer saß mir der Schrecken der letzten Nacht sprichwörtlich in den Knochen und ich hatte das Bedürfnis, mich direkt mit ihm auszutauschen. »Weißt du, wer das heute Nacht war?«
»Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung.«
»Denkst du, die waren aus Zufall da?«
»Ich hoffe es. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Verfolger aus Darekk uns so schnell gefunden haben, da niemand wissen konnte, dass wir uns nach Osten orientiert haben. Immerhin haben wir es selbst erst bei unserer Flucht entschieden.«
»Was ist mit Gadren? Der ist sicherlich megasauer, dass wir ihm seinen Handel kaputt gemacht haben. Dieser, ähm ...«, ich suchte nach dem Namen des Fürsten aus dem Westen, während mir nebenbei auffiel, dass aus ›megasauer‹ ein ›mächtig ungehalten‹ geworden war. »Bogus? Balduin?«
»Borgvin.«
»Okay. Also, dieser Borgvin kann es garantiert nicht leiden, wenn seine Absichten durchkreuzt werden.«
»Das ist ganz gewiss der Fall. Ich vermute zudem, dass Gadren selbst ebenfalls einen beträchtlichen Groll hegt, zumal ich ihm nicht nur sein Vorhaben vereitelt, sondern überdies seine Rejnin entwendet habe. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass er so schnell hier sein konnte. Die Lande im Osten erstrecken sich weithin und er hat keinen Anhaltspunkt, wo wir uns befinden.«
Ich verarbeitete die Aussage und hakte nach: »Seine Rejnin? Heißt das, du hast ihm alle weggenommen?«
Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Nun ja, ich konnte sie schlecht einzeln aus seiner Börse holen. Natürlich habe ich den ganzen Geldbeutel an mich genommen.«
»Oha.«
Die Reisehilfe ließ meine Äußerung unverändert.
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